Kalker Geschichte: Kriege, Zerstörung und Wiederaufbau

Der 1. Weltkrieg war natürlich auch für Kalk einschneidend. Fabriken stellten ihre Produktion um auf Kriegsmaterialien. Sie wollten bei dem Geschäft, das auf Pump finanziert war und Deutschland in den Ruin trieb, mitverdienen. Sprengstoff und Kriegsgerät wurde hergestellt. Da die Männer als Soldaten bei der Eroberung Europas benötigt wurden, übernahmen Frauen die „Männerarbeit“ in den Fabriken und im Verkehrswesen. Frauen stellten Munition her, fuhren Straßenbahn und drehten Geschoßhülsen.

Die Kriegsfolgen dezimierten das Personal der Bahnen der Stadt Köln massiv. Die Arbeit der Männer wurde von den Frauen übernommen. Sowei bekannt: 4. von links, Frau Schlömer, Schaffnerin, ganz rechts Fahrer Anton Niedenhoff ca. 1916

Die Ernüchterung folgte auch hier bald. Die große Inflation von 1922/23 war die Folge des Krieges auf Pump. Menschen wurden wieder arbeitslos, ganze Familien standen ohne Erwerb da.

Nach einer Erholung in der Mitte der 20er Jahre kam die große Weltwirtschaftskrise 1928/29. Alle Kalker Betriebe entließen ArbeiterInnen; dies traf mehr als die Hälfte der Kalker Familien. Arbeit gab es, wenn überhaupt, nur tageweise.

Der Beginn der Nazi-Herrschaft bewirkte einen starken Einschnitt in den Alltag der Arbeiterschaft. Gewerkschaften wurden verboten, Arbeiterinnen und Arbeiter zu „Gefolgschaftsmitgliedern“. Die Nazis bestimmten den Betriebsalltag, aber auch Freizeit und Familienleben. Viele machten mit, nur wenige wehrten sich.


Die Kalker Hauptstraße, ca. Mitte der 30er Jahre mit Hakenkreuz-Fahnen (Postkarte von Peter Bretz)

Noch radikaler als dies vor dem 1. Weltkrieg geschehen war, bereiteten die Nazis die Kriegsproduktion vor. Bald nach dem Beginn des Überfalls auf die europäischen Staaten und des damit verbundenen Abzugs von Fabrikarbeitern sorgten die Nazis für Ersatz.

Fast 10 Millionen Menschen wurden aus den besetzten Ländern verschleppt, um die Kriegsproduktion aufrechtzuerhalten.

Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Jahre 1943, teilweise mit diffarmierendem Aufnäher „Ost” für „Ostarbeiter“.

In Köln waren es bald über 30.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Sie mußten die Produkte herstellen – Waffen, Sprengstoff – welche ihre Heimatländer weiter zerstören sollten. KHD war eine der ersten Firmen, die schon im Mai 1940 Zwangsarbeiter anforderten. Bis Kriegsende mußten in Kalk weit über 1.500 dieser Menschen unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten und hausen.

Die Alliierten machen gegen Nazi-Deutschland mobil.

Zu Beginn des Krieges waren militärische oder kriegswichtige Anlagen die bevorzugten Ziele der alliierten Luftangriffe. In Kalk waren sie besonders gut durch die exponierte Lage zwischen den Bahnlinien aus der Luft zu erkennen. Der erste Luftangriff erfolgte am 19. Juni 1940.

Ab Mitte 1941 änderte die britische Militärführung ihre Strategie, nun wurden außer militärischen auch zivile Ziele insbesondere in Wohnvierteln zerstört. Bei dem Angriff auf Köln am 30./31. Mai 1943 wurden die rechtsrheinischen Vororte, darunter auch Kalk stark getroffen.

In der Nacht vom 3. auf den 4. Juli 1943 erlebte Kalk den schlimmsten Angriff. Hierbei wurden große Teile des KHD-Werkes zerstört.

Im Herbst 1944 wurden die Chemische Fabrik Kalk und die Bahnanlagen in Vingst und Gremberghoven schwer getroffen. Bei diesem Angriff wurde die CFK fast zu 2/3 zerstört. Am 6. März 1945 verkündete dann Fritz Vorster den letzten ca. 100 Mitarbeitern die Schließung des Werkes.

Kalk erlebte insgesamt 20 Angriffe. Die CFK wurde hierbei von ca. 227 Sprengbomben und Luftminen, sowie ca. 3000 Brand- und Phosphorbomben getroffen, nicht eingerechnet die Granattreffer durch die Artillerie. Viele Betriebe hatten schon vorher ihre Maschinen ausgelagert, um sie zu retten.

Im April 1945 waren nur noch ca. 200 – 300 Menschen in Kalk. Die meisten waren evakuiert. Die Wohnbausubstanz war zu 83 % zerstört oder stark beschädigt. Die Zerstörungen bei den Industrieunternehmen waren geringer, die Bauten hatten zwar stark gelitten, viele Maschinen konnten jedoch durch Auslagerungen gerettet werden, so daß bald nach Kriegsende wieder mit der Produktion begonnen werden konnte

Das Luftbild des Kalker Zentrums vom Februar 1944 zeigt deutlich das Ausmaß der Zerstörungen (unten die Kalker Hauptstraße zwischen Zechenstraße und Josephkirchstraße, links die Kapellenstraße, an der Einmündung die Überreste der Marienkirche und der Kapelle).

Der Wiederaufbau – ein weiterer Einschnitt im Leben der Kalker Familien.
Arbeiterinnen und Arbeiter, Angestellte kurbelten die Produktion wieder an. Am Anfang allein – waren doch die Unternehmer zumeist als „Wehrwirtschaftsführer“ erst einmal verhaftet, im Lager oder untergetaucht. Betriebsausschüsse und Ortsausschüsse brachten Betriebe in Schwung und organisierten die notwendige Grundversorgung in Kalk.

Der Wiederaufbau bescherte ein deutsches Wirtschaftswunder. Dies zeigte sich auch im steigenden Wohlstand in Kalk. Immer mehr Menschen fanden Arbeit in den Kalker Industriebetrieben. Geschäfte und Kaufhäuser siedelten sich an. Das Vereinsleben blühte auf.

Aber es gab auch schon warnende Stimmen. Eine einseitige Industrie-Landschaft birgt auch Risiken, insbesondere dann, wenn nur zwei Bereiche – chemische und metall-verarbeitende Produktion – bestimmend sind.

Niedergang und Ende der Chemischen Fabrik Kalk