Kalk, ein Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf (1996)

 

Kalk, im ersten rechtsrheinischen Vorortgürtel von Bahnanlagen eingeschlossen, gehört zu den Gebieten, die seit den 70er Jahren als besonders stadterneuerungsbedürftig gelten. In der ersten Prioritätenliste für teilräumliche Entwicklungsplanungen (Rahmenplanungen) aus 1978 heißt es: „Der Stadtteil Kalk bedarf auf Grund der weit hinter dem Stadtniveau zurückgebliebenen Entwicklungssituation, Mangel an Grün- und Freiflächen, an Umweltqualität, an Infrastruktur, an vergleichbarem Wohnungsstandard dringend durchgreifender Maßnahmen der Stadterneuerung. Mittel- bis langfristig ist insbesondere auch die unbefriedigende Grenzsituation zwischen Wohnen und Industrie zu bereinigen.“

Aufgrund des hohen Handlungsbedarfs wurden im selben Jahr durch Ratsbeschluß 3 Blöcke nördlich der Kalker Hauptstraße als „Stadterneuerungsgebiet“ ausgewiesen zur Bündelung der kommunalen Aktivitäten. Gleichzeitig wurde mit der Erarbeitung der Rahmenplanung Kalk begonnen, die 1984 vom Rat beschlossen wurde und bisher Grundlage der Erneuerung des Stadtteils ist.

Die Kalker Problematik des unmittelbaren Nebeneinanders von Wohnen und Industrie (Chemie und Fahrzeug-/Anlagenbau) wurde zwar im neuen Flächennutzungsplan planungsrechtlich entschärft, blieb aber vor Ort bestehen. Durch Stadterneuerung in kleinen Schritten, vor allem im Wohnumfeld (Straßen und Blockinnenbereiche) und teilweise im Wohnungsbestand wurden in den 80er Jahren Maßnahmen zur Minderung der benachteiligten Lage realisiert, ab 1982 im Rahmen der vom Land bezuschußten Stadterneuerungsprogramme. Hinzu kamen die Eröffnung der U-Bahn (1980), der Rückbau der Kalker Hauptstraße (1981/82), die Errichtung des Bürgerhauses Kalk als sozialkulturelles Zentrum (1990) und der Neubau des Bezirksrathauses mit Stadtbücherei und VHS-Zweigstelle (1992).

Wie durch die vorbereitenden Untersuchungen von 1990 und dem folgenden Satzungsbeschluß zur förmlichen Ausweisung des Sanierungsgebietes Kalk/Post (1992) bestätigt wurde, konzentrieren sich unter bis dato unveränderter Flächennutzung im Stadtteil die städtebaulichen Mißstände im westlichen Kalk auf der alten Grenzlinie Chemieindustrie / Wohnen.

Eine neue Dimension nimmt der Erneuerungsbedarf des Stadtteils an mit dem Rückzug der seit über 130 Jahren ansässigen zwei beherrschenden Industrieunternehmen aus dem Stadtteil. Soweit absehbar, wird dieses Wegbrechen der bisherigen industriellen Basis der innenstadtnahen rechtsrheinischen Gebiete Kölns andauern. Die im Zuge der KHD-Neustrukturierung freigewordenen 13 ha Industrieflächen im Süden Kalks kaufte die Stadt Köln Ende 1991 aus eigenen Mitteln an, um hiermit eine neue Grundlage zur weiteren Erneuerung des Stadtteils zu sichern.

Die stärkste Veränderung des Stadtteils seit Kriegsende wurde im März 1993 jedoch mit Bekanntgabe der zum 31.12.93 beschlossenen Schließung der Chemischen Fabrik Kalk (CFK) eingeleitet. Das 135jährige Unternehmen entläßt zunächst über 700 Beschäftigte (mit Wohnstandorten überwiegend in Kalk und angrenzenden Vierteln) in einen sehr schwierigen Arbeitsmarkt. Nach Firmenangaben wohnen ca. 70 % der bisher Beschäftigten im Umfeld des Unternehmensstandortes. Es hinterläßt auch ein von Anbeginn genutztes Firmenareal von ca. 34 ha Größe, das noch aufzuarbeiten ist. In dem abgegrenzten Raum zwischen Deutzer Ring und Bundesbahn in Westen, Stadtautobahn im Norden Bahnhof Kalk/Nord und Oranienstraße im Osten sowie der Gremberger Straße im Süden leben insgesamt 36.200 Einwohner, davor 12.800 ausländische (35,3 %).

Das Wohnungsangebot von insgesamt rd. 15.800 WE wird ganz überwiegend von Mietwohnungen in mehrgeschossigen Gebäuden abgedeckt. Obwohl nur knapp ein Viertel der Wohnungen aus der Vorkriegszeit stammt, haben rd. 55 % der Wohnungen keine zeitgemäße Ausstattung mit Heizung, Bad und WC. Die Gebäude- und Wohnungsmängel konzentrieren sich in Kalk im Sanierungsgebiet Kalk/Post im Randbereich zur CFK und im Sanierungsgebiet Vingst/Höhenberg.

Ca. 860 Arbeitsstätten zählten 1987 (VZ) rd. 12.300 Beschäftigte. Im umgekehrten Verhältnis zur Kölner Branchenverteilung waren jedoch im vorgeschlagenen Förderschwerpunkt Kalk etwa 60 % der Beschäftigten in Produktion und Baugewerbe tätig und nur ein Drittel im Dienstleistungssektor.

Durch Schließung und Teilschließung bzw. Verlagerung von großen Industrieunternehmen ist somit die Beschäftigungsbasis der ansässigen Wohnbevölkerung besonders stark gefährdet. Allein die Schließung der CFK vernichtet über 700 Arbeitsplätze. Im Rahmen eines langfristigen Umstrukturierungsprogramms baut das größte gewerbliche Unternehmen, KHD, seit Jahren und derzeit verstärkt Personal ab.

Der Anteil der Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger liegt deutlich über den schon hohen Kölner Durchschnittswerten.

Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf: Köln-Kalk *

Einwohner
Stadtteil Kalk 21.900 Einwohner
davon 7.920 ausl. Einwohner / 36,1 %

Humboldt-Gremberg 9.570 Einwohner
davon 2.515 ausl. Einwohner / 26,2 %

Vingst/Höhenberg 4.730 Einwohner
davon 2.365 ausl. Einwohner / 50,0 %

Gesamtgebiet
36.200 Einwohner
davon 12.800 ausl. Einwohner / 35,3 %

Wohnungen:
ca. 15.800 WE

Arbeitsstätten:
ca. 860 WE (VZ)

Beschäftigte:
1987 ca. 12.300 WE (VZ)
1995 ca. 9.500 WE

Disponible Gewerbe- und Industrieflächen:
ca. 50 ha

* Stadtteile Kalk und Humboldt-Gremberg (nördl. Teil) und Sanierungsgebiet Vingst / Höhenberg

Zeittafel Stadterneuerung

1977
Erste Feststellungen zur Erneuerungsbedürftigkeit mit dem „Gesamtkonzept Stadtentwicklungsplanung“;

1978
Festsetzung eines „Stadterneuerungsgebietes“ nördlich Kalker Hauptstraße, Blockkonzepte und erste Wohnumfeldmaßnahmen;

1980
Eröffnung U-Bahn, anschließend Neugestaltung der Kalker Hauptstraße;

1982
Kalk Programmgebiet der Städtebauförderung NRW, erstes umfassendes Programm zur Wohnumfeldverbesserung und Verkehrsberuhigung;

1983
Konkurs der Batteriefabrik Gottfried Hagen AG;

1984
Beschluß des neuen Flächennutzungsplans und der Rahmenplanung Kalk mit Regelung der Abstandsproblematik zwischen Wohnen und Industrie;

1986
2. Stadterneuerungsprogramm;

1987
Erwerb des Hagen-Geländes durch den Grundstücksfonds NRW;

1990
Vorbereitende Untersuchungen zur Sanierung Kalk-Post, Errichtung Bürgerhaus;

1991
Auftrag des Stadtentwicklungsausschusses zur Erstellung eines Entwicklungskonzeptes für den erweiterten rechtsrheinischen Innenstadtbereich / EERI;

1992
Förmliche Festsetzung des Sanierungsgebietes Kalk, Übernahme von 13 ha KHD-Werksfläche durch die Stadt Köln, Fertigstellung des Bezirksrathauses;

1993
Kalk als Gebiet mit besonderem Erneuerungsbedarf dem MSV vorgeschlagen, Ratsbeschluß zur Sicherung des Chemiestandortes Kalk, Satzungsbeschluß zum Sanierungsgebiet Vingst / Höhenberg;

1994
Produktionseinstellung bei der Chemischen Fabrik Kalk GmbH, Ratsauftrag für ein rechtsrheinisches Strukturförderprogramm, Kalk-Konferenz der Stadt Köln mit der Landesregierung NRW, 1. Projekte des Kalk-Programms beim MSV angemeldet und bewilligt, Vorlage der Rahmenplanung Humboldt-Gremberg;

1995
Verkauf des KHD-Traktorenwerks in Kalk an die italienische Same-Gruppe, Fertigstellung erster Wohnungsneubauten auf ehem. KHD-Flächen, Ratsbeschluss zur Westumgehung Kalk zur Erschließung des CFK Geländes, Gründung der Besitzgesellschaft für das Rechtsrheinische TechnologieZentrum und Bewilligung der Landeszuwendung, Vorlage der 2. Stufe des Kalk-Programms.

Quelle:

Handlungskonzept Handlungskonzept Köln-Kalk
Dortmund 1996, 49 S. mit Fotos, Kt. u. Pl. – Forum für Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf
ISBN: 3-8176-1063-7

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